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Der Sinn von Trauerritualen

Die Menschen haben heute bei der Gestaltung von feierlichen Abschiedszeremonien größtmögliche Freiheit, weil strenge kulturelle und religiöse Regeln immer mehr verschwinden. Nichtsdestotrotz sind Trauerrituale an sich weiterhin von großer Bedeutung.

Bei Trauerritualen denken viele Menschen heute an vergangene Zeiten, als die Trauer um einen Verstorbenen noch eine viel größere Öffentlichkeit und allgemeine Akzeptanz besaß. Das moderne Leben hat die Trauer mehr und mehr aus dem Alltag verdrängt. Trauernde fühlen sich dadurch vielfach mit ihren Gefühlen allein gelassen. Und Freunde und Bekannte sind zunehmend unsicher, wie sie Trauernden begegnen sollen. Auch wenn der Tod in der modernen Gesellschaft keine große Rolle spielt, so ist er doch stets präsent. Ob voraussehbar oder unerwartet, der Verlust eines nahestehenden Menschen kommt für die Betroffenen fast immer unvorbereitet.

Dann können Trauerrituale den unmittelbaren Angehörigen und dem Freundes- und Bekanntenkreis helfen, den Verlust zu verarbeiten und Perspektiven für das weitere Leben zu finden. Der ritualisierte Abschied von einem Verstorbenen unterstützt sie dabei, das Unabänderliche zu begreifen und zu akzeptieren. In diesem Rahmen sind das Weinen und viele andere Gefühle der Trauer zugelassen. Außerdem können einige festgelegte Regeln bei der Anteilnahme und dem Kondolieren allen Beteiligten die gewünschte Sicherheit für das angemessene Verhalten geben. Denn für Trauernde und Trauergäste ist der Abschied von einem Verstorbenen immer auch eine Art Ausnahmezustand, der die Endlichkeit des Lebens offenbart.

Dabei ist es keineswegs so, dass die überlieferten Trauerrituale völlig vergessen wurden, sie haben sich im Laufe der Zeit nur immer wieder verändert und den jeweils aktuellen Bedürfnissen und Lebensumständen der Menschen angepasst. „Wie ein Ritual durchgeführt wird, wer sich daran beteiligt oder wie es wirkt, ändert sich von Mal zu Mal. Nur selten werden sie völlig neu erfunden, wohl aber werden sie immer wieder angepasst“, stellt Prof. Axel Michaels im Themenheft „Rituale“ von Spektrum der Wissenschaft fest.

So zeigt sich heute bei vielen Trauerfeiern, wie sich die Menschen für ihre Trauer und den Abschied Freiräume für individuelle Gestaltungen suchen. Dann spielt die Kleidung zwar immer noch eine Rolle, aber sie muss nicht unbedingt schwarz sein. Und die Musikauswahl besteht nicht aus typischen Trauerkompositionen, sondern den Lieblingstiteln des Verstorbenen. Diese Trauermusik kann dann auch beschwingt und fröhlich sein. Zu nennen sind außerdem unterschiedliche Angebote von Trauerbegleitungen und Gesprächskreisen als Alternativen für Rituale, die als nicht mehr zeitgemäß empfunden werden. Eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung spielt auch das Internet, das wie in vielen anderen Lebensbereichen neue Möglichkeiten für eine konstruktive Trauerarbeit geschaffen hat.

Mit Blick auf die durchaus wandlungsreiche Kulturgeschichte der Trauerrituale bedeuten die Umbrüche von heute also lediglich die Anpassung an die Zeichen und Möglichkeiten der Zeit. Im Kern geht es nach wie vor darum, den Verlust eines nahestehenden Menschen zu verarbeiten und den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren.

Karsten Mohr

Bild Fotolia/Kzenon

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